Gastronyme: Schnitzel Döner Art mit Ariersoße

Anatol Stefanowitsch fragt am 16. August 2013 im Sprachlog rhetorisch: Ist es schlimm, dass das Schnitzel (und die Soße) das Wort Zigeuner im Namen tragen? Die kurze Antwort ist „Nein“! Die lange geht so: Namen sind, wie nahezu alles in der Sprache, arbiträr, d.h. die inkriminierten Schnitzel und Soßen könnten so ziemlich jedes Attribut tragen, um sie von anderen Schnitzeln und Soßen zu unterscheiden. Das können sogar unikale Morpheme sein, die nur in dieser Zusammensetzung vorkommen, wie im Standardbeispiel Himbeere. Welche Grenzen die eine oder andere Sprache zieht, ist ebenfalls beliebig, also ob bspw. Marmelade Zitrusfrüchte enthalten muss, und darum ist Côte de veau Zingara nicht automatisch ein und schon gar nicht das Zigeunerschnitzel.

Zusatz: Zuhause, Zutat, Zufall

Toponyme zur Unterscheidung, manchmal auf Deutsch (Berliner; Frankfurter, Nürnberger, Wiener Würstchen / Schnitzel; Amerikaner; (Hamburger), Bremer), manchmal in der dort üblichen Sprache (Sauce Béarnaise, Spaghetti Bolognese, Pizza Napoli) und manchmal in einer dritten (Fach-)Sprache (Sauce Hollandaise) sind in der „Küchensprache“ ziemlich häufig anzutreffen. Einige Attribute – wie bei den o.g. Würstchen und Brötchen – funktionieren dank Konventionalisierung und Kontext sogar alleinstehend. Die Motivation hinter dieser Namensgenese ist unterschiedlich: naiv kann man davon ausgehen, dass etwas entweder an diesem Ort erfunden wurde (Aceto balsamico di Modena) oder dort exklusiv angebaut bzw. hergestellt wird (Champagner, Aachener Printen, vgl. diverse EU-Richtlinien zu geschützten geographischen Bezeichnungen), aber mitunter wollte der Namensgeber auch einfach Assoziationen wecken oder der Name soll einen Ort bzw. ein dort stattgefundenes Ereignis ehren – öfter jedoch eine Person (Bismarckhering, Mozartkugeln). Bei Krankheiten, Sexualpraktiken und Werkzeugen mag es noch weitere, abweichende Hintergründe geben.

In den Kommentaren des Sprachlogartikels tauchte dieses Problemchen inzwischen auch auf: Toponyme sind eng verwandt und oft kaum zu unterscheiden von Demonymen: {-er} macht aus vielen Städten und Ländern sowohl ein Adjektiv als auch den (unmoviert-generischen) Plural  oder genitiven Singular seiner Bewohner. Der Morph {-er} ist aber vielbeschäftigt und auch anderswo produktiv, weshalb Zigeunerschnitzel, Jägerschnitzel, Pfefferschnitzel und Wiener Schnitzel nur morphisch und nicht morphemisch ähnlich sind – ursprünglich zumindest. Für die Küchensprache kann man

  1. die Vorthese wagen: attributives „Xer Y“ und komposites „Xery“ werden kaum unterschieden, was sich in signifikant gehäuften orthographischen Fehlern bzgl. der Getrenntschreibung (auf Speisekarten, Verpackungen und in Rezepten) zeigen sollte, und
  2. die Hauptthese aufstellen: „Xer (Y)“ und „Y Xer Art“ sind so stark etablierte Muster, dass die „eigentliche“ Bedeutung von X irrelevant ist.

Über ein Döner Schnitzel würde (sprachlich) kaum jemand stolpern, über ein Schnitzel (nach) Döner Art noch weniger und über ein Dönerschnitzel niemand, obwohl *Dön oder *Don kein Ort, Döner kein ∅-Plural oder r-Genitiv und *döner kein Adjektiv ist. (Für -aise / -ese gilt das einigermaßen analog.)

Allgemein gemein gemeint?

Das Lexem Zigeuner als Präfix in Nahrungsmitteln bezeichnet niemanden als Zigeuner! Dass es Menschen gibt, die so nicht genannt werden wollen (aber schonmal wurden), ist also für Speisekarten, Supermarktregale und Kochbücher völlig irrelevant. Das Partiallexem referiert lediglich auf einen kulturellen Topos, wie fiktiv der auch sein mag, der vage Schlüsse auf Zutaten und Geschmack zulässt und damit eine Abgrenzung zu ähnlichen Rezepten ermöglicht (bspw. am Schnitzeltag in der Mensa mit wöchentlich wechselndem Angebot). Diese Topoi lassen sich innerhalb des Referenzrahmens sogar übertragen, sodass auf dem Schnitzel Hawai(i) analog zum Toast eine Ananasscheibe liegt. Welche Eigenschaften vererbt werden, ist allerdings schwer vorherzusagen: Was macht ein hypothetisches Königsberger Schnitzel aus? (Mehrfachnennung und Ergänzung möglich)

  • Es ist gekocht und nicht gebraten oder gebacken.
  • Es wird mit weißer Soße übergossen.
  • In der Soße sind Kapern.
  • Es ist kein echtes Schnitzel, sondern panierte platte Kochklopse.
  • Ein Bestandteil oder das Rezept stammt aus Ostpreußen.

Ungeeignet für die Küchensprache könnte Zigeuner dann sein, wenn es exklusiv eine ausschließlich pejorativ gebrauchte und verstandene Personen- bzw. Gruppenbezeichnung wäre, also im Prinzip ein Schimpfwort. So bezeichnet Neger trotz der Wortherkunft nicht allein Menschen mit angeboren dunkler Hautfarbe, sondern einer (er)niedrigen(den) sozialen Rolle und ist darum problematisch. Ich möchte aber behaupten oder wenigstens vermuten, dass das Wortfeld Zigeuner synchron nicht als Begriff für eine Ethnie verwendet wird, sondern primär für einen (romantisierten) Lebensstil, der im Wesentlichen durch nicht sesshaftes Kommunenleben und musikalisch ausgedrückte Lebensfreude charakterisiert wird, sekundär allerdings auch für damit assoziierte Begleiterscheinungen, die im eigenen (Mainstream-)Lebensentwurf negativ konnotiert sind. (So ähnlich, aber doch ganz anders argumentiert Alexander Lasch im Spachpunkt am 18. August.)

Soziolinguistisch interessant wäre daher bspw., ob die „Volksetymologie“ eine Verwandtschaft mit (herum)ziehen vermutet und die entsprechende Falschschreibungen wie *Ziehgeuner oder sogar *Ziehgäuner (mit zusätzlich postulierter Verwandtschaft zu Gauner) in relevanter Menge auftreten. Allerdings ist ein entsprechender Korpus schwer zu generieren, da bspw. akademische und journalistische oder besser alle von Software- oder Fleischlektoren überprüfte Texte ausgeschlossen werden müssten, und außerdem könnte es – mir unbekannte – entsprechend gefärbte Synonyme geben, die von der übrigbleibenden Klientel bevorzugt verwendet werden.

Stagnieren, reagieren, agitieren

Unverfänglicher ist allemal, das (farbliche) Aussehen oder die entscheidenden Zutaten, welche nicht den Hauptanteil ausmachen müssen, namensstiftend zu verwenden (was laut Folgeartikel im Sprachlog zunehmend geschieht). Auch wenn Leberkäse keine Leber enthalten muss, schränken derart motivierte Bezeichnungen (Paprikaschnitzel) den Variantenreichtum darunter gefasster Gerichte viel stärker – mglw. zu sehr – ein,  sodass sie nie ganz synonym zu den arbiträren Toposkomposita sein können. Außerdem können einfache Ersetzungen leicht versagen: beim „Schaumkuss“ küsst einen nicht der Schaum, weswegen „Schokokuss“ die bessere Alternative ist, aber das beste Argument gegen Negerkuss (und den weniger problematischen Mohrenkopf) bleibt weiße Schokolade.

Man ist nicht Rassist, wenn man Worte kennt oder gebraucht, die andere (ggf. Betroffene) für rassistisch – womit meist „nur“ beleidigend oder diskriminierend gemeint ist – halten, auch dann nicht, wenn man bereits darauf hingewiesen wurde, dass dem so ist. Man ist Rassist, wenn man sie deswegen gebraucht. Alles andere wäre eine Verwässerung des Rassismusbegriffes. Es ist genauso unangebracht, jemanden, der sich selbst nicht so bezeichnen würde, einen Zigeuner zu nennen, wie einen Rassisten! Leider funktioniert die (zum Teil implizierte) Argumentation der Gutmeinenden pro Sprachglättung genau so:

Niemand will die Sprache an sich ändern, niemand wird gezwungen, gerechtere Alternativen zu verwenden. Die traditionelle Redeweise ist allerdings rassistisch, sexistisch, … Wer sie verwendet, wirkt dementsprechend so. Wer nach Belehrung wider besseren Wissens weiterhin derartige Sprache verwendet, ist selbst (mindestens latent) rassistisch, sexistisch, … Das will doch niemand sein, also muss man seinen Sprachgebrauch ändern.

Wenn Anatol Stefanowitsch korpuslinguistisch belegt, dass heute als althergebracht wahrgenommene Lexeme und Phrasen (wie Zigeunerschnitzel und -soße) noch gar nicht so lange verbreitet sind wie gemeinhin angenommen bzw. neumodisch anmutende (z.B. Studierende) schon vor langer Zeit (mitunter sogar bevorzugt) verwendet wurden, dann mag das dem ein oder anderen zwar die Augen öffnen, aber letztlich bleibt es nur ein Scheinargument – in fähigen Händen trotzdem eine starke rhetorische Waffe. Es ändert nichts an real existierenden sprachlichen Gewohnheiten, denn deren Alter ist regelmäßig völlig irrelevant. Es gibt grammatische Muster, die seit Jahrhunderten auftreten und durchgängig (um es positiv zu formulieren) als substandard eingestuft werden, während andere innerhalb weniger Jahre allgemein – hier und da mit Zähneknirschen – akzeptiert werden.

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