Wortkorrekturen

Mal wieder gerät ein Kommentar zu einem fremden Blogpost, diesmal von Luise Pusch, aus den Fugen, sodass er ein Beitrag werden muss.

Tochter und Sohn sind auf den ersten Blick unproblematische Wörter.

Der Bezeichnung für das männliche Kind fehlt lediglich das Suffix {+ter} für enge Verwandtschaftsgrade, das in ähnlicher Form auch die meisten anderen Sprachen indogermanischer Herkunft aufweisen. Beim Wort für das weibliche Kind wirkt genau das (wie auch beim weiblichen Elternteil Mutter) hingegen synchron mitunter merkwürdig, weil {+er} das spracheigene und produktive Suffix für Nomina Agentis ist und mithin moviert werden kann {+er+in}.

Die systematische Konsequenz wäre entweder eine parallele Neubildung von Sohnter oder Sonter (im Plural jeweils mit Umlaut) oder eine Reduktion zu Toch oder Tocht, aber nicht Mutt und auch weder Töchterin noch *Mütterin. Natürlich gewachsene Sprache funktioniert so logisch allerdings nicht und sie lässt sich nicht gezielt beeinflussen, zumindest nicht mit vorhersagbarem Ergebnis. Die Relevanz und das Problembewusstsein erscheinen auch zu gering, als dass hier tatsächlich – selbst langfristig – Änderungen zu erwarten sind.

Mädchen und Junge haben hingegen beide offensichtliche Probleme – wenigstens aus einer Sichtweise, die deren Tiefenstruktur HöhOberflächenbedeutung zumisst. Dem Wort für weibliche junge Menschen sieht man die Herkunft aus einem Diminutiv am Suffix {+chen} und am davon bestimmten Genus Neutrum an, gleichzeitig existiert aber das scheinbare Grundwort Mad oder Mäd nicht und das tatsächliche Maid oder Magd ist anders konnotiert. Der Begriff für die männlichen Pendants ist hingegen ein substantiviertes Adjektiv ohne immanenten Geschlechtsbezug und wird daher auch in anderer Funktion und ggf. mit anderem Genus verwendet, bspw. konventionalisiert im Neutrum als tierische Nachkommen das Junge. Für beide gibt es regionale Synonyme wie Dirn(e) und Bub(e), Knabe, Bursche, die aber hochsprachlich wiederum semantisch leicht anders besetzt sind (im weiblichen Fall stärker).

Wollte man sprachsystematisch weniger problematische Wörter verwenden, müssten sie entweder neu erfunden, aus einer anderen Sprache importiert – Boy und Girl sind allerdings schon verbraucht – oder umgeprägt bzw. wiederbelebt werden. Letzteres halte ich am ehesten für realistisch. Zwar wirkt Dirne passiv wahrgenommen wahlweise altertümlich, nieder-/norddeutsch oder pejorativ, aber es wird (auch deshalb) aktiv kaum mehr verwendet, wäre mithin frei für eine Neubesetzung, ähnlich Maid (mit seinem ungewohnten Plural). Für Bube und mehr noch Knabe gilt die Schlussfolgerung genauso, wenn auch die Diagnose leicht abweicht, bspw. wirken beide eher ober-/süddeutsch.

Fräulein und Jungfer sind glücklicherweise weitgehend ausgestorben, sodass man sich darum keine Gedanken – Junker anyone? – mehr machen muss.

–

Synchron gebräuchliche deutsche Geschlechtslexeme inkl. Motion

Die fehlende Geschlechtssymmetrie im Feld [weib, frau, dame : mann, herr] aufzuheben, wäre ein noch viel größeres und aussichtsloseres Unterfangen:

  • weiblich ./. mannlich
  • Weibchen, Männchen
  • Frau ./. Herr
  • Ehefrau ./. Ehemann (Gatt+in|e)
  • Frau, Mann
  • Dame, Herr
  • (dämlich */* herrlich)
  • Frauchen, Herrchen

Dabei sind die maskulinen Wörter natürlich auch noch movierbar: Männin, Herrin.

Auch wenn solche Vokabularkosmetik nicht ans „Eingemachte“, das Sprachsystem, geht, sondern nur an den Sprachgebrauch, so muss sie doch der erste Schritt sein, denn dort setzen sich Änderungen viel, viel leichter und schneller durch (aber auch nie gezielt oder vorhersagbar). Stattdessen werden immer wieder unwichtige Nebenschauplätze wie man, mensch oder herr bedient – und der ganze typographische Queerquatsch.

Häufigkeitsklassenvon Grundwörtern sowie Komposita und Derivativen, die mindestens in zwei Zusammensetzung vorkommen oder in einer ≤ 19 sind, nach DeReWo (v-ww-bll-320000g-2012-12-31-1.0),
Mädchen Maid Dirne Jungfrau Fräulein Girl Junge Bube Knabe Bursche Boy min abs
~ 9, 14, 19, 21, 21 15, 17 17, 20, 21 14, 17 14 13 10 13, 14, 15 13 13, 17 13, 16 10 23
Bauer[n]~ 19 22 23 20 21, 21 20 19 7
~schaft 21, 24, 25 21 15 15 5
~haft 18 25 18 20 19 18 5
Schul~ 18 18 20, 20 22 18 5
Haus~ 18 22 22 24 18 4
Nachbar[s]~ 21, 22 19, 20 19 4
Küchen~ 21 22 20 20 20 4
~gesicht 21 21 22 24 21 4
Jung~ 22, 23 25 22 22 4
~mannschaft 17 19 21 17 3
~schule 17 20 19 17 3
Kirmes~ 21 21 18 18 3
~band 19 21 19 19 3
Lauf~ 24 23 19 19 3
Waisen~ 20 19 20 19 3
~group 19 17, 26 19 3
~stimme 20 24 20 20 3
~traum 21 20 24 20 3
Edel~ 26 21 20 20 3
Hirten~ 22 20 21 20 3
Lehr~ 20 20 20 20 3
Stall~ 23 22 20 20 3
Gassen~ 21 23, 25 21 3
~haftigkeit 22 22 25 22 3
Klein~ 23 23 22 22 3
Cow~ 19 14 14 2
~chor 18 16 16 2
Play~ 22 16 16 2
~heim 20 17 17 2
~lich 25 17 17 2
~name 17 21 17 2
Dienst~ 17 18 17 2
Kinder~ 17 22 17 2
~gruppe 18 21 18 2
~team 18 21 18 2
~verein 23 18 18 2
Bäcker~ 18 23 18 2
Call~ 18 19 18 2
Chor~ 21 18 18 2
Laus[e]~ 21 18 18 2
~arbeit 19 20 19 2
~frau 24 19 19 2
Ball~ 21 19 19 2
Gold~ 23 19 19 2
Party~ 23 19 19 2
Straßen~ 20 19 19 2
Strich~ 23 19 19 2
Super~ 19 20 19 2
~jungschar 20 20 20 2
~klasse 20 21 20 2
~kopf 21 20 20 2
~streich 21 20 20 2
Cover~ 20 22 20 2
Flüchtling[s]~ 21 20 20 2
Freuden~ 20 28 20 2
Kammer~ 20 20 20 2
Milch~ 20 21 20 2
See~ 20 20, 23 20 3
~alter 23 21 21 2
~fest 22 21 21 2
~jahr 21 22 21 2
Bar~ 21 21 21 2
Dorf~ 22 21 21 2
Indianer~ 21 21 21 2
Tanz~ 21 22 21 2
Zigeuner~ 21 21 21 2
~zeit 23 22 22 2
Arbeiter~ 23 22 22 2
Juden~ 22 23 22 2
Laden~ 22 25 22 2
Rotz~ 24 22 22 2
Servier~ 23 25 23 2
~schänder 24 24 24 2
Pracht~ 24 26 24 2
Spitz~ 18, 21 18 2
~schaft[l]er 19, 20 19 2
Be[e]lze~ 19, 21 19 2
Natur~ 19, 22 19 2
~lein 20, 21 20 2
Ehren~ 22, 24 22 2
Gaudi~ 22, 23 22 2
Blitz~ 23, 25 23 2
Sänger~ 16 16 1
~fahrt 17 17 1
~fußball 17 17 1
~stieg 17 17 1
Burg~ 17 17 1
Meer~ 17 17 1
Muster~ 17 17 1
Prügel~ 17 17 1
Zimmer~ 17 17 1
~en 18 18 1
~flug 18 18 1
~ie 18 18 1
~ikos 18 18 1
~kraut 18 18 1
~lichkeit 18 18 1
~treff 18 18 1
~turnen 18 18 1
Cow~hut 18 18 1
Domsing~ 18 18 1
Garde~ 18 18 1
Herz~ 18 18 1
Hitler~ 18 18 1
Milch~rechnung 18 18 1
Sonny~ 18 18 1
Wunder~ 18 18 1
~gymnasium 19 19 1
~haus 19 19 1
~insel 19 19 1
~musik 19 19 1
~riege 19 19 1
~schaftlich 19 19 1
~schwarm 19 19 1
~tag 19 19 1
~wunder 19 19 1
Blumen~ 19 19 1
Braut~ 19 19 1
Cow~stiefel 19 19 1
Foto~ 19 19 1
Handwerk[s]~ 19 19 1
Laus~streich 19 19 1
Mini~ 19 19 1
Schiff[s]~ 19 19 1
Show~ 19 19 1
Stuben~ 19 19 1
Sunny~ 19 19 1

Nachtrag: Luise Pusch kündigt außerdem an, in der nächsten Emma-Ausgabe „eine neue Schreibweise vor[zu]schlagen, mit der eigentlich alle beteiligten Gruppen (…) zufrieden sein könnten: die optische Vereinigung von generischem Femininum, Binnen-I und Genderstern“. Nun lese ich die Emma nicht und halte sie weder für ein gutes Organ für linguistische Veröffentlichungen noch finde ich solche Teaser auch nur im entferntesten hilfreich, daher nenne ich hier einige mögliche ortho-/typographische Möglichkeiten für die übliche Motion mit {+in}:

  • Freundjn, Freundjnnen – Jot statt I
  • Freundyn, Freundynnen – Ypsilon statt I
  • Freundïn, Freundïnnen – I mit Umlaut / Trema / Diärese U+00EF
  • Freundīn, Freundīnnen – I mit Makron / Überstrich U+012B
  • Freundın, Freundınnen – I ohne Punkt U+0131
  • Freundı⃰n, Freundı⃰nnen bzw. Freundi⃰n, Freundi⃰nnen – I mit Sternchen statt Punkt U+20F0
  • Freundi͙n, Freundi͙nnen – I mit Sternchen unten U+0359
  • Freundɪɴ, Freundɪɴɴᴇɴ bzw. Freundin, Freundinnen – Kapitälchen
  • Freundɪn, Freundɪnnen bzw. Freundin, Freundinnen – I-Kapitälchen
  • Freundin, Freundinnen – Unterstreichung
  • Freund*n, Freund*nnen bzw. Freund*n, Freund*nnen – Sternchen / Asterisk statt I
  • Freund♥n, Freund♥nnen bzw. Freund♡n, Freund♡nnen – Herz statt I

Zweites Update: Als ich gerade Puschs tatsächlichen Vorschlag gelesen habe, war ich mir sicher, dass ich den hier auch gelistet hatte, aber er fehlt tatsächlich:

  • Freund!n, Freund!nnen – Ausrufezeichen statt I
  • Freundịn, Freundịnnen bzw. Freundı̣n, Freundı̣nnen – Punkt unter dem I U+0323

Typographisch ist die zweite Variante in den meisten Schriftarten deutlich ansprechender, aber auf dem Tatschhändi war sie nur sehr umständlich zu erzeugen. ( Interpunktionszeichen im Wortinnern werden von Bildschirmtastaturen u.ä. aber auch nicht besonders gut unterstützt. )

  • Freund:n, Freund:nnen – Doppelpunkt statt I
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